Constantin von
Mitschke-Collande
In Schlesien 1884 geboren und 1956 in Nürnberg gestorben – Maler, Grafiker, Bühnenbildner und Illustrator. Sein Werk umfasst über fünf Jahrzehnte und spiegelt die Entwicklung der deutschen und europäischen Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. So reicht seine künstlerische Biografie von der Jahrhundertwende über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus bis in die Nachkriegszeit. Expressionismus und Neue Sachlichkeit bilden die wichtigsten Schwerpunkte innerhalb seines Œuvres.
Nach einer akademischen geprägten Ausbildung in München, Dresden, Rom und Florenz wurde ab 1907 Dresden nicht nur dritte Station seiner künstlerischen Lehrjahre, sondern auch seine wichtigste Wirkungsstätte für fast drei Jahrzehnte. Hier gründete der Künstler im Januar 1919 die Dresdner Sezession Gruppe 1919, unter anderem gemeinsam mit den Künstlerkollegen Otto Dix und Conrad Felixmüller. In dieser Zeit schuf Mitschke-Collande mehrere expressionistische Druckgrafik-Zyklen als Illustrationen für zeitgenössische Literatur. Besonders sein sechsteiliges Werk zu Walther Georg Hartmanns Kurzgeschichte „Der begeisterte Weg“ stieß auf großes Interesse in der Kunstwelt und ist heute in vielen bedeutenden Museumssammlungen vertreten.
Als Mitglied der „Dresdner Sezession Gruppe 1919“ gehörte Mitschke-Collande zu den so genannten „Expressionisten der zweiten Generation“. Sein Werk, zunächst deutlich der spätexpressionistischen oder nach Franz Roh der nach-expressionistischen Bewegung zuzuordnen, bewegte sich im Laufe der 1920er Jahre immer deutlicher hin zur so genannten „Neuen Sachlichkeit“, die zunehmend an Bedeutung gewann. Mitschke-Collande reagierte zunächst zögerlich auf diesen Umbruch und konzentrierte sich auf seine Arbeit als Bühnenbildner an verschiedenen Dresdner Theatern. Anfang der 1930er Jahre gelangte er zu einem unverkennbaren und individuellen neusachlichen Stil in seiner Malerei. Dabei orientierte er sich weniger an einer politischen und sozialkritischen Kunst, zu deren Vertretern Künstler wie George Grosz oder Otto Dix gehörten, sondern zog sich thematisch ins Private zurück. Zu seinen großen Bildthemen wurden in dieser Zeit der Akt, das Porträt und das Stillleben. So entstanden farbenprächtige Gemälde mit einer voluminös-plastischen Auffassung von Formen und Figuren.
Vom nationalsozialistischen Regime wurde Mitschke-Collandes Kunst als „entartet“ verfemt. Durch die kunstpolitischen Reglementierungen der Reichskulturkammer musste der Künstler ab Mitte der 1930er Jahre starke berufliche Einschränkungen hinnehmen. Infolgedessen zog sich Mitschke-Collande immer mehr zurück. Der Begriff der „Inneren Emigration“ umschreibt seine Lebensumstände und auch die Entwicklung seines künstlerischen Schaffens in dieser Zeit treffend.
Während der Kriegsjahre lebte und arbeitete Constantin von Mitschke-Collande in Berlin und Dresden. Erst nach der Zerstörung seines Ateliers bei der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 flüchtete der Künstler mit seiner Familie aus der Stadt. Nach einem halbjährigen Aufenthalt im bayerischen Kulmbach, wo der Maler mit Porträts sowie der Ausmalung eines Kirchenchors beauftragt war, ließ er sich mit seiner Familie zunächst in dem kleinen Städtchen Rothenburg ob der Tauber nieder. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Nürnberg, wo ein ungewöhnlich experimentelles, auf Strömungen der deutschen Nachkriegskunst reagierendes, Spätwerk entstand.
Durch die Zerstörung des Ateliers 1945 in Dresden und den damit einhergehenden Verlust eines großen Teils seiner Arbeiten, die bis dahin entstanden waren, sind manche Abschnitte in Mitschke-Collandes Werk nur fragmentarisch dokumentiert. Seine expressionistischen Werke sind daher vor allem in seinen Holzschnitten erhalten geblieben, während seine Gemälde aus dieser Zeit im Krieg den Angriffen auf Dresden zum Opfer gefallen sind. Sie sind nur in wenigen Beispielen als Schwarzweiß-Fotografien in Ausstellungskatalogen oder anderen Quellen überliefert. Trotzdem sind heute rund 650 Arbeiten des Künstlers aus allen Schaffensphasen bekannt. Dazu gehören Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafiken, Illustrationen, Bühnenbilder, Werbegrafik, Wandmalereien sowie Wandgestaltungen im öffentlichen Raum.
Text: Lisa Kern
Studium der Architektur an der Technischen Hochschule München und Besuch der privaten Malschule von Heinrich Knirr, München
Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Dresden bei den Professoren Robert Sterl, Raphael Wehle, Richard Müller, Osmar Schindler, Oskar Zwintscher und Otto Gussmann
Fortsetzung des Studiums im Meisteratelier von Prof. Otto Gussmann an der Akademie der Bildenden Künste in Dresden, Klasse für dekorative Wandmalerei
Mitarbeit im Atelier von Fernand Léger und Maurice Denis in Paris; Auseinandersetzung mit dem Kubismus
Wandmalereien und Glasfenster als Kriegergedächtnismal für die Friedensgedächtniskirche in Lauchhammer/Sachsen
Gründungsmitglied der „Dresdner Sezession Gruppe 1919“; Holzschnitte zu Walter Hartmanns „Der begeisterte Weg“
Farbige Holzschnitte zu Klabunds „Montezuma“
Holzschnitte zu Walther Georg Hartmanns „Die Tiere der Insel“
Bühnenbilder für das Staatliche Schauspielhaus Dresden; Entwicklung des Systems der „Dynamischen Bühne“
Ausstattungsleiter am Albert-Theater in Dresden unter Leitung von Hermine Körner
Gründung einer Privatschule für Malen, Zeichnen, Kompositionslehre und Kostümgestaltung
Beschlagnahmung von Mitschke-Collandes Werken aus öffentlichen Sammlungen; seine Werke werden in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert
Zeitweise Tätigkeit als Lehrer an der Mode- und Textilschule Berlin
Zerstörung des Ateliers und einem großen Teil des bis dahin entstandenen Werks bei der Bombardierung Dresdens im Februar. Flucht der Familie aus Dresden, halbjähriger Aufenthalt auf Schloss Guttenberg; Auftrag zur Ausgestaltung der Kirche in Traindorf mit Wandmalereien
Übersiedlung nach Rothenburg o. d. T.
Umzug nach Nürnberg, dort Arbeit als Bühnenbilder und Aufträge für Wandgestaltung in Sgraffito, Keramik und Mosaik; Mitarbeit im Berufsverband Bildender Künstler; Beteiligung am „Kunstwettbewerb zur Olympiade“, Helsinki
gestorben in Nürnberg im Alter von 71 Jahren